Die Kunst des Zuhörens

Inhalt drucken

Ivan Illich, der ketzerische Sozialreformer und Schulkritiker, hat einmal von einem fast beiläufigen Erlebnis berichtet, das ihm doch als eine besondere Art von Sinn-Ereignis erschienen war. Ein Kollege habe ihn während eines Gespräches mit den Worten unterbrochen: "Illich, you don't communicate with me." Er sei erstaunt und empört zugleich gewesen und habe sofort geantwortet: "I have no intention to do so, I am trying to speak with you." Niemals, so fügte er hinzu, werde er es jemandem gestatten, ihn als einen Sender oder Empfänger zu behandeln.

Die Konsequenz wirkt heute noch denkwürdiger als zu Beginn der 60er Jahre, in die das Ereignis fällt. Längst haben wir uns daran gewöhnt, mit anderen auf jene Weise zu kommunizieren, die Illich verabscheut; keiner stößt sich mehr daran, wenn er zum Empfänger von Informationen, Daten, Meinungen gemacht wird und sie seinerseits wieder von sich gibt, ohne eine Antwort, ein Aufgreifen und Weiterführen noch zu erwarten. Die moderne Computertechnik hat ein übriges getan und uns vielfach schon zu bloßen Anhängseln von Kommunikationsapparaten, zu Durchgangsstationen oder Vermittlungsinstanzen von gespeichertem Sachwissen gemacht, die nur dann funktionieren, wenn wir uns möglichst vollständig und abwechselnd in Sender und Empfänger verwandeln.

Das sind Kommunikationsvorgänge, aber keine Gespräche, die sich aus Frage und Antwort, Meinung und Gegenmeinung, Verneinung und Zustimmung entwickeln und deren Ergebnis nicht voraussehbar ist. Was man etwas altertümlich als den Geist eines Gesprächs bezeichnet, meint das unberechenbare, in seinen Wendungen niemals planbare Wesen des Dialogs, der nicht allein Beredsamkeit, sondern eine Kunst des Hörens voraussetzt. "Niemand kann größerer Redner sein als Hörer", hat Adam Müller, der Freund Kleists und Schlegels, behauptet, und er hatte recht.

Die Kultur der Rede, die wir an der Antike noch heute bewundern, beruhte auf einer Hörkultur, die wir uns kaum noch vorstellen können. Denken wir nur an Hesiods berühmte Schilderung vom Musengesang, von der Erfahrung also, daß das Hören, das Zuhören, die Voraussetzung der eigenen Stimme, also Rede, ist; erinnern wir uns, daß in der Ausbildung die auditio, die Hörübung, die unersetzbare Grundlage bildete, dazu gehörten das laute Lesen der Klassiker, die öffentliche Rezitation, die Begleitung des erprobten Redners durch seinen Schüler, der ihm auf dem Forum zuhörte. Bis weit in das Mittelalter hinein verfaßten die Schriftsteller ihre Texte auf ihre akustische Wirkung hin, sie wußten, daß für ihre Leser jedes Blatt eines Buches, jeder Buchstabe eine stimmliche Resonanz auslösten, daß sie ertönten oder verstummten, sprachen oder schwiegen, selbst wenn die Empfänger die Zeichen nur lasen - noch in der Spätantike wurde "hören" und "lesen" synonym gebraucht. Denn der Leser war immer Hörer, wenigstens seiner eigenen Stimme; was er las, las er laut, das geschriebene Wort galt ihm noch als gar keines, erst ausgesprochen wurde es dazu.

Wer stumm las, und es waren potentielle Zuhörer zugegen, machte sich verdächtig, man tolerierte das kaum bei einem Liebesbrief, wie erst bei weniger privaten Lektüren. Das scheint lange zurückzuliegen, doch noch im 18. Jahrhundert war Lesen meist ein kollektives Ereignis, und als Vorleser bei Hofe verdiente sich mancher deutsche Schriftsteller sein Brot. Wenn wir heute lesen, haben wir, mit Nietzsches plastischen Worten, unsre "Ohren dabei in's Schubfach gelegt"; doch die sind darüber hinaus längst verdorben: von dem öffentlichen Gerede, dem Mediengetön, dem sozialen und technischen Geräusch, die ständig auf uns eindringen und uns fürs gute Hören längst taub gemacht haben. Das Gedröhn der Diskos, so haben die ärzte festgestellt, hat das Hörvermögen der jugendlichen Besucher bereits in schlimmem Ausmaß und irreversibel geschädigt.

Die antiken Rhetoren und Philosophen wußten um die seelischen Wirkungen des Lautlesens und Hinhörens, die moderne Psychologie hat diese Erkenntnis bestätigt. Nicht mehr hören können macht nicht nur stumm und unfähig zu Gespräch und Geselligkeit, sondern auch krank. Als vor wenigen Wochen unsere famosen Bildungsexperten aus Wissenschaft und Politik zusammentrafen, um über das wachsende Desinteresse der Schüler an ihren Lehranstalten, über Gewalt und Verrohung, die damit einhergehen, zu beraten, fiel ihnen nichts Besseres ein, als die öffnung der Schule zur "Lebenswirklichkeit" hin zu fordern; was darunter zu verstehen sei, faßte Minister Rüttgers in die so griffige wie heillose Formel: "Zugang der Schulen zu den zukunftsträchtigen Datenautobahnen".

Wieviel besser wußte da noch die kleine Momo Bescheid, von der es heißt, daß sie etwas konnte "wie kein anderer, das war: Zuhören... Sie konnte so zuhören, daß ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wußten, was sie wollten. Oder daß Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder daß Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden." Freilich, Michael Ende hat sein nicht zufällig so erfolgreiches Buch einen "Märchenroman" genannt, denn märchenhaft und beinah ausgestorben ist sie, die Kunst des Zuhörens.

Ihre Gedanken schreiben an dieser Stelle im Wechsel der Tübinger Rhetorik-Professor Gert Ueding, der Berliner Schriftsteller Hartmut Lange und der Zürcher Philosophie-Professor Hermann Lübbe

Quelle: Die Welt, Ausgabe vom Samstag, 25. November 1995

Warenkorb

Sie haben noch keine Artikel in Ihrem Warenkorb.

Mein Konto

eMail-Adresse:

Passwort:

Top Artikel

Agatha Christie / Das Geheimnis von Sittaford

Agatha Christie / Das Geheimnis von Sittaford
Statt 29,58 EUR
Nur 19,90 EUR
Sie sparen 33 %

Agatha Christie / Der blaue Express
Agatha Christie / Der blaue Express
Statt 29,58 EUR
Nur 16,90 EUR
Sie sparen 43 %
Agatha Christie / Sie kamen nach Bagdad
Agatha Christie / Sie kamen nach Bagdad
Statt 33,18 EUR
Nur 15,90 EUR
Sie sparen 52 %
Agatha Christie / Das Schicksal in Person
Agatha Christie / Das Schicksal in Person
Statt 29,58 EUR
Nur 23,90 EUR
Sie sparen 19 %
Agatha Christie / Elefanten vergessen nicht
Agatha Christie / Elefanten vergessen nicht
Statt 30,48 EUR
Nur 19,90 EUR
Sie sparen 35 %
Agatha Christie / Kurz vor Mitternacht
Agatha Christie / Kurz vor Mitternacht
Statt 29,58 EUR
Nur 23,90 EUR
Sie sparen 19 %
Agatha Christie / Bertrams Hotel
Agatha Christie / Bertrams Hotel
Statt 29,58 EUR
Nur 15,50 EUR
Sie sparen 48 %
Agatha Christie / Alibi
Agatha Christie / Alibi
Statt 30,48 EUR
Nur 14,90 EUR
Sie sparen 51 %
Agatha Christie / Der Wachsblumenstrauß
Agatha Christie / Der Wachsblumenstrauß
Statt 32,28 EUR
Nur 14,90 EUR
Sie sparen 54 %
Agatha Christie / Der Ball spielende Hund
Agatha Christie / Der Ball spielende Hund
Statt 34,98 EUR
Nur 21,90 EUR
Sie sparen 37 %