Mehr als nur ein Lektüreersatz

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Seit wenigen Jahren findet man auf den Orientierungstafeln größerer und mittlerer Buchhandlungen den deutlich sichtbaren Hinweis auf ein zuvor kaum bekanntes, und wenn oftmals verstecktes Angebot: HöRBüCHER oder gar HöRBUCHABTEILUNG. Was verbirgt sich hinter diesem Wortkompositum?

Zum einen enthält dieser Begriff den eindeutigen Hinweis, daß es sich bei diesem Angebot um das uns allen vertraute Vervielfältigungs-medium "Buch" handelt. Zum anderen erweist sich der Begriff in seiner Zusammensetzung als scheinbar unsinnig. Weiß doch jeder, daß man ein Buch Seite für Seite lesen muß, um es inhaltlich auszuschöpfen. Hörbar wird es allenfalls - man denke z. B. an die angespannte Stille in einem Lesesaal und das erschreckte Aufblicken in Büchern versunkener Studierender - wenn jemand ein Buch unsanft auf seinen Arbeitstisch oder gar versehentlich zu Boden fallen läßt.

Um hinter den Sinn des Begriffes HöRBUCH zu kommen, ist es notwendig, sich von der materiellen Definition eines Buches "auf Papier gedruckte, zu einer Einheit zusammengebundene Texte" zu lösen und statt dessen ein Buch als "Sammlung von Text gewordenen Ideen" zu begreifen. Dann nämlich entfällt eine Festlegung auf das Medium, über das Inhalte gespeichert und vervielfältigt werden. Ein im Computer gespeichertes Buch bleibt ebenso Buch wie ein auf Film gespeichertes Werk.

Zunächst nicht anders verhält es sich insofern mit dem HöRBUCH, als es ein auf einen Tonträger (Cassette, CD) gespeichertes und jeder Zeit wieder abrufbares Werk darstellt. Allerdings - und hier liegt der fundamentale Unterschied zu allen anderen Vervielfältigungsarten von Büchern - geschieht die Umsetzung von geschriebenen Texten in gesprochene Sprache nicht auf synthetischem Wege (z. B. Computer-Sprachausgabe) sondern durch Menschen. Der Prozeß der Umsetzung in Sprache ist also durch ein Individuum bestimmt, mit individuellen interpretatorischen und gestalterischen Elementen. Er ist mit anderen Worten ein schöpferischer und insofern künstlerischer Prozeß.

Man muß sich klarmachen, daß Sprechen, also Kommunikation, ein rein mündlicher Vorgang ist, bzw. daß geschriebene (und gedruckte) Sprache letztlich nur die Teilaufzeichnung von Sprechakten darstellt und insofern immer nur ein unvollständiges Dokument ist. Goethe hat sinngemäß festgestellt, daß geschriebene Sprache nur ein trauriges Surrogat der gesprochenen Sprache ist. Lessing hat betont, daß seine Werke erst gesprochen ihre Vollständigkeit erhalten.

Ein Vergleich mit einer Notenpartitur trifft den auf ein Hörbuch bezogenen Sachverhalt sehr genau. Die durch Takte und Sätze geordneten Noten entsprechen den Sätzen, Absätzen und Kapiteln eines Romans. Hinweise wie Allegro oder Andante sind Beschreibungen wie "spricht schnell" oder "spricht langsam" vergleichbar. Selbstverständlich kann man von Musik erst reden, wenn eine Partitur durch Musiker, eventuell gemeinsam mit einem Dirigenten, hörbar gemacht wird. Nicht anders verhält es sich mit einem geschriebenen Text. Auch er wird erst interpretiert und gesprochen zu dem von einem Autor intendierten (Sprachkunst)werk.

Der Begriff HöRBUCH ist gegenwärtig nicht eindeutig definiert. Mit ihm werden Hörspiele, Features, Dokumentationen, Lesungen und weitere Erscheinungsformen verbunden. Ohne andere Erscheinungsformen infrage stellen zu wollen, auch in dem Bewußtsein, daß neue, noch nicht voraussehbare künstlerische Hörbuchausdrucksformen sich in den kommenden Jahren erst entwickeln werden, wird hier ein HöRBUCH verstanden als Verwandlungsergebnis unveränderter geschriebener Texte in gesprochene Sprache. Eine solche Definitionsbeschränkung ist auch aus historischer Sicht gerechtfertigt.

So unbestreitbar die Erfindung der Drucktechnik zum Vorteil für Wissenschaft und Literaturverbreitung war, so bedingte sie zugleich ein allmähliches Zurückdrängen der mündlichen Literaturverbreitung. Wer die Kunst des Lesens beherrschte, las natürlich.

Je verbreiteter die Lesefähigkeit war, desto häufiger las man allein "im stillen Kämmerchen". Noch im 17.Jh. galt es als unhöflich, einen Brief, sogar einen persönlichen, leise zu lesen, wenn eine weitere Person im Raum war. Man las dann selbstverständlich laut. Und vorgelesen wurde bis ins 19. Jahrhundert überall, zu jeder Zeit und mit großem Vergnügen und sehr wahrscheinlich auch mit großem Können. Mit der allgemeinen Schulbildung und als Folge immer stärker verbreiteter Lese- und Schreibfähigkeit wurde Vorlesen und Zuhören offenbar nicht mehr als sinnliches Vergnügen begriffen, vielmehr als nicht mehr notwendige Hilfestellung für des Lesens Unkundige und erfuhr somit eine soziale Diskriminierung.

Autorenlesungen bildeten hier allerdings eine Ausnahme, obwohl damals wie heute wahrscheinlich nur wenige Autoren ihre kongenialen Interpreten waren, ebenso Rezitationsveranstaltungen bedeutender Schauspieler. Solche Ereignisse waren allerdings Veranstaltungen mit öffentlichem Charakter und sind mit Vorlesekultur im Sinne einer das Alltagsleben durchdringende Selbstverständlichkeit nicht vergleichbar.

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